Die „fast-kombinatorische“ Partie
Eine moderne-allzumoderne Erscheinung
Neue Erscheinungen fordern zur Bildung neuer Termini technici heraus. So auch hier. Die „fast-kombinatorische“ Partie ist eine aus mangelndem Willen zur kombinatorischen Betätigung geborene Partie: schimmernd und verheißend liegen die Kombinationen vor den Spielern, man braucht nach ihnen nur zu greifen, um sie aufs Brett zu zaubern, aber müde und gelangweilt geht der moderne Meister ihnen aus dem Wege; dies ist fast-kombinatorisch ...
Und doch muss es für denjenigen Meister, der der Kombination trotz allem treu geblieben ist, ein dankbares Unternehmen sein, für dieselbe in die Schranken zu treten, denn wenn wir es auch nicht eingestehen wollen, unsere Liebe gehört doch der Kombination. Und gewiss wird man, wenn die Flucht vor der eigenen Phantasie aufgehört haben wird modern zu sein, sich wieder zur Kombination bekennen, frisch und fröhlich und ganz ohne Vorbehalt. Die Vereinfachungsstrategie aber wird an Anziehungskraft verlieren. All die jetzt beinahe monumental anmutenden Dinge, wie etwa die zum Grundsatz erhobene Vermeidung von Verwicklungen, werden uns schließlich als leer und jeder Größe bar erscheinen. Unsere heutige Partie soll uns darüber Anhaltspunkte geben.
In dieser Partie hat der Führer der schwarzen Steine, „um das Ungewisse zu meiden“, seinen starken Stellungswechsel Stück für Stück verschleudert: zuerst verzichtete er auf den schönen Bauernsturm (15. ... b5!), dann gab er den Riesenspringer d4 her und zuletzt ließ er sich die f-Linie entwinden. Es ist ihm dabei gelungen, „Komplikationen zu meiden“. Und dies wird heutzutage als keineswegs gering zu wertende Leistung betrachtet, selbst wenn man, wie es hier der Fall ist, mit einem etwas schlechter stehenden Endspiel vorlieb nehmen muss!
Quelle: Denken und Raten, Nr. 6/1929, 10.02.1929