Haben die "schiefen" Läufer etwas von ihrer Popularität eingebüßt?
von A. Nimzowitsch
Unter „schiefen“ Läufern hat man bekanntlich nur die nach b2 oder g2 bzw. b7, g7 entwickelten Läufer zu verstehen, während beispielsweise der „italienische“ Läufer auf c4 (nach 1. e2-e4 e7-e5 2. Sg1-f3 Sb8-c6 3. Lf1-c4) keineswegs als „schief“ bezeichnet werden darf, sonst würden die Modernen die Nase rümpfen. Einen wesentlichen Unterschied zwischen den beiden, eben näher skizzierten Kategorien der Läufer erblicken wir nun darin, dass die „schiefen“ Läufer präventiv wirken, was bei den anderen Läufern nicht der Fall ist. Als Beispiel diene der folgende Anfang: 1. d2-d4 Sg8-f6 2. Sg1-f3 e7-e6 3. c2-c4 b7-b6 4. g2-g3 Lc8-b7 5. Lf1-g2, und Weiß ist bereit, den Zug d7-d5 durch Sf3-e5 vorteilhaft zu beantworten: der Läufer g2 wirkt somit dem beabsichtigten d7-d5 entgegen, seine Tätigkeit muss also als vorbeugend (= präventiv) angesprochen werden.
Nun hat es sich aber in San Remo 1930 gezeigt, dass die schiefen Läufer an einer gewissen „Stilunsicherheit‘ litten: sie schienen sich im modernistischen Gewande nicht recht wohl zu fühlen (siehe unsere heutige Partie) und suchten sich aus diesem Grunde in harmlose Wald- und Wiesenläufer zu verwandeln (sozusagen zu „italienisieren“); oder aber sie wurden eingesperrt und gelangten erst nach längerer Pause zu angemessener Tätigkeit. Und nun fragen wir: „Sind die eben skizzierten Zwischenfälle mehr zufälliger Natur oder scheinen sie vielmehr darauf hinzudeuten, dass sich in unserem Begreifen der Läufer eine Krise vorbereite?” Die nachfolgend publizierten Partien mögen die hier aufgeworfene Frage beantworten helfen.
Unsere heutige Partie scheint den „schiefen“ Läufer in ein schiefes Licht bringen zu wollen: denn nach langwierigem Liebäugeln mit dem Bäuerlein auf b7 sieht sich der Läufer g2 doch dazu veranlasst, das „Spiel“ abzubrechen, er zieht nämlich 13. e3-e4, so eine Kulisse zwischen sich und Bauer b7 schiebend. Doch der Schein trügt: durch 14. Sb3-a5 hätte Weiß seinen Läufer zu Ehren bringen können. Und überdies braucht die durch 18. e3-e4 erfolgte Sperrung nicht als chronisch aufgefasst zu werden. Im 30. Zuge wird diese Kulisse niedergerissen, und der Läufer gelangt dann in kraftvollem Ansturm zu seinem Recht. — Der Läufer scheint also in dieser Partie im großen Ganzen doch keine üble Rolle gespielt zu haben!
In der heutigen Partie führt unser schiefer Läufer (g7) geraume Zeit ein recht unbemerktes Dasein, denn seine Mühe, sich den in der c-Linie vor sich gehenden strategischen Operationen anzugliedern, verläuft ziemlich resultatlos. Da wird das Brett plötzlich belebt, die Türme (in der c-Linie) rüsten sich zu einem energischen Einschreiten, und die Springer gar gebärden sich wie wild und drohen, die ganze Brettmitte zu okkupieren (nämlich die Punkte d5 und f5, Partiephase Zug 18-24). Da kann auch der Läufer nicht länger untätig zuschauen: er besetzt in überraschender Weise eine neue, wirkungsvolle Schräge (Züge 24 und 25 von Schwarz). Und von nun ab vollbringt er große Dinge. Und in einer Variante (siehe den zweiten Teil der Anmerkung zum 34. Zuge von Weiß) führt er gar den Beweis, dass ein Läufer stärker sein kann als ein ... Turm! Und da dieses letztere Lob gewiss nicht mehr zu überbieten ist, so gehen wir von „Lobeshymnen“ zur Tagesordnung über und bitten den verehrten Leser, die nun folgende Partie aufmerksam nachzuspielen.
Damit beschließen wir die Vorweisung von illustrierenden Beispielen. Schon die wenigen, hier vorgeführten Spiele (vgl. auch 5. und 6. Runde) genügten, um zu beweisen, dass die Kraft des „schiefen“ Läufers noch ungebrochen ist. Gewiss wäre es verfehlt, von einem solchen Läufer schon im frühesten Stadium große Dinge zu erwarten, aber wer mit der Technik des hypermodernen Kampfes vertraut ist und etwas Geduld hat, wird es nie zu bereuen haben, wenn er auf die Kraft des schiefen Läufers gebaut hat.
Quelle: Denken und Raten, Nr. 15/1930, 13.04.1930 & Nr. 16/1930, 20.04.1930 & Nr. 21/1930, 25.05.1930