Das Versteck und der Brückenbau
Wir haben unseren wanderlustigen Schachkönig soeben mit dem jederzeit frohgesinnten und hoffnungsfrohen Wanderburschen aus dem Märchen verglichen. Aber zwischen Wirklichkeit und Märchen gibt es zuweilen kleine, realistisch gefärbte Unterschiede: Im Märchen donnert und blitzt es häufig genug, aber niemand holt sich einen noch so unbedeutenden Schnupfen (wenn auch die böse Königin zuweilen etwas „verschnupft“ zu sein pflegt), in der trivialen Wirklichkeit aber bildet eine Erkältung ein nicht untypisches Vorkommnis. Um sich vor der Gefahr einer Erkältung zu schützen, sorge der wanderlustige König beizeiten für ein brauchbares Versteck. Ein solches wird ihm im Falle eines Ungewitters treffliche Dienste leisten.
Stellung: Weiß Kc5, Ta8, Ba6; Schwarz Kg7, Ta1 (siehe Diagramm 77).
Diagramm 77
Ähnlich verhält sich die Sache in der Stellung: Weiß Ke5, Tg1, Bd5; Schwarz Kd8, Ta2.
So sind wir Menschen nun einmal „gebaut“, daß wir, wenn wir zufällig etwas für uns Ersprießliches gefunden haben, daß wir dann dieses zufällig Gefundene aus freier Willensbestimmung herstellen zu lernen uns bemühen. So auch hier. Die Endspieltechnik verlangt es, daß man sich sein Versteck selbst zu bauen vermag, etwa wie der „Pfadfinder“ sein Zelt. Hierzu verhilft der Brückenbau. Siehe Diagramm 78.
Diagramm 78
Dieses entzückende Spiel gehört zu – alltäglichsten Manövern. Ein Beweis für die wunderbare Schönheit des Schachspiels!
Interessant wäre es zu untersuchen, ob nicht auch sofortiges 1. Te5 angängig ist. Letzteres ist wirklich der Fall; auch 1. Te5 gewinnt, allerdings weniger überzeugend als die „Autorlösung“ 1. Te4.
Der Brückenbau nebst Bildung eines Verstecks für den reiselustigen König gehört zu den typischen Bestandteilen der Endspielstrategie und ist mit dem später unter Abschnitt 3 zu behandelnden Manöver aufs innigste verknüpft. Der Brückenbau geschah übrigens u.a. auch in unserer Partie Nr. 10, wo Sf5 dem eigenen König das Versteck f3 schuf. (Siehe Diagramm 43 [Stellung nach dem 35. Zuge von Schwarz].)