[Event "Freie Partie"] [Site "Nürnberg"] [Date "1904.??.??"] [Round "-"] [White "Tarrasch, Siegbert"] [Black "Nimzowitsch, Aaron"] [ECO "D07"] [Result "1/2-1/2"] 1.d4 d5 2.c4 Nc6 3.Nf3 Bg4 4.e3 e6 5.Nc3 Bxf3 6.Qxf3 Nce7 7.Bd3 c6 8.O-O f5 9.Bd2 Nf6 10.cxd5 cxd5 11.Rac1 g5 12.Qg3 Kf7 13.f3 Nc6 14.Qxg5 Be7 15. Ne2 Qb6 16.Bc3 Rag8 17.Qh4 Rg6 18.Qh3 Bf8 19.Nf4 Rh6 20.Qg3 Bd6 21.Qf2 Rg8 22.g3 Bxf4 23.exf4 Nh5 24.Qe3 e5 25.fxe5 f4 26.Qd2 Nxd4 27.Kg2 Nxg3 28. Qxf4+ Ngf5+ 29.Kh1 Rxh2+ 30.Kxh2 Qg6 31.Qg4 Qh6+ 32.Qh3 Qf4+ 33.Kh1 Ng3+ 34.Kh2 Ngf5+ 35.Kh1 Ng3+ 36.Kg2 Nxf1+ 37.Kxf1 Qxc1+ 38.Be1 Rg1+ 39.Kxg1 Qxe1+ 40.Bf1 Qxe5 41.Qxh7+ Qg7+ 42.Qxg7+ Kxg7 43.Kf2 Kf6 44.Ke3 Ne6 45.f4 Nd8 46.Bg2 Ke6 47.Kd4 Nc6+ 48.Kc5 Ne7 49.Bh3+ Kf6 50.Bd7 Ng6 51.f5 Ne5 52. Bb5 Kxf5 53.Kxd5 Nf7 54.Bd7+ Kf6 55.Bc8 Ne5 56.b4 Nd3 57.a3 b6 58.Ba6 Ne1 59.a4 Nc2 60.b5 Ke7 61.Kc6 Kd8 62.Kb7 Nd4 63.Kxa7 Kc7 64.Bb7 Nb3 65.Bf3 Nc5 66.a5 bxa5 67.b6+ Kd6 68.Bd1 Kc6 69.Ba4+ Kd6 70.Be8 Kd5 71.Ka8 a4 1/2-1/2 [Event "Freie Partie"] [Site "Nürnberg"] [Date "1904.??.??"] [Round "-"] [White "Tarrasch, Siegbert"] [Black "Nimzowitsch, Aaron"] [ECO "D07"] [Result "1/2-1/2"] [Source "ChessBase"] [Annotator "Spielmann, Rudolf"] {Vor kurzer Zeit im Nürnberger Schachklub gespielt.} 1.d4 d5 2.c4 Nc6 ( {Eine ehemals bei den russischen Meistern sehr beliebte Verteidigung des abgelehnten Damengambits, die heute als veraltet fast gänzlich aus der Praxis verschwunden ist, um modernen Fortsetzungen Platz zu machen, wie z. B. 2...e5, dem sogenannten Gegengambit Albins, oder} 2...e6 3.Nc3 c5 {, was bekanntlich Dr. Tarrasch als einzig ausreichende Verteidigung empfiehlt. Die Textfortsetzung führt gewöhnlich, wie schon Steinitz richtig bemerkte, zu einer Schwächung des schwarzen Damenflügels.} ) 3.Nf3 Bg4 4.e3 e6 5.Nc3 Bxf3 6.Qxf3 ( {In Betracht käme auch} 6.gxf3 {, um später mit e3-e4 im Zentrum vorzugehen; der Zug würde auch ermöglichen, die weiße Dame nach b3 zu spielen, was in dieser Eröffnung häufig von großer Wichtigkeit ist.} ) 6...Nce7 7.Bd3 c6 8.O-O f5 9.Bd2 Nf6 10.cxd5 cxd5 11.Rac1 g5 {Die russische Schule, die nur im japanischen Kriege vermißt wird.} 12.Qg3 Kf7 13.f3 Nc6 {Es drohte 14.e4. Die Eröffnung wird von Schwarz sehr bizarr behandelt. Er opfert nun bei ziemlich unentwickelter Stellung einen Bauern, weiß aber durch Verstärkung des Druckes auf d4 bei der etwas exponierten Stellung der weißen Dame seine Figuren schnell auf so günstige Angriffsfelder zu entwickeln, daß das Opfer reichlich aufgewogen erscheint. Weiß hätte vielleicht besser getan, sich auf das Opfer gar nicht einzulassen.} 14. Qxg5 Be7 15.Ne2 Qb6 16.Bc3 Rag8 17.Qh4 Rg6 {Droht 18...Sg4.} 18.Qh3 Bf8 19.Nf4 Rh6 20.Qg3 Bd6 21.Qf2 ( 21.Qg5 {21...} 21...Rg6 {mit der Absicht, durch} 22.Nxg6 hxg6 23.f4 Ng4 {die Dame zu gewinnen; denn Weiß spielt einfach 22.Dh4 mit gutem Spiel.} ) 21...Rg8 22.g3 Bxf4 23.exf4 Nh5 $1 24. Qe3 e5 $1 {Die Art und Weise, wie der erst 18jährige Führer der schwarzen Steine dem Großmeister zu schaffen gibt, verdient Beachtung. Das zweite Bauernopfer scheint ganz richtig zu sein.} 25.fxe5 f4 26.Qd2 Nxd4 27.Kg2 $1 ( {Die Partie wird nun höchst kombinationsreich. Der selige Morphy würde seine Freude daran haben.} 27.Bg6+ $2 Qxg6 ( 27...Rhxg6 $2 28.Bxd4 Nxg3 29.hxg3 Rxg3+ 30.Kf2 Rg2+ 31.Ke1 Rxd2 32.Bxb6 Rgg2 33.Rf2 $1 {und Weiß gewinnt, denn 33...} 33...axb6 {scheitert an} 34.Rc7+ {.} ) 28.Qxd4 fxg3 29.Qxd5+ Ke8 30.Qb5+ {würde wegen 30...} 30...Qc6 $1 {zu vorzüglichem Spiel für Schwarz führen.} ) 27...Nxg3 $2 ( {Schwarz plant wohl jetzt schon das nachfolgende Turmopfer, das leider seinen berühmten Haken hat. Einfacher und besser war} 27...fxg3 $1 {Nach} 28.h3 {konnte sich dann folgende elegante Wendung ergeben: 28...} 28...Qe6 $1 {(droht Damenopfer auf h3)} 29.Rh1 Qxe5 30.Qxh6 Nf4+ 31.Kf1 g2+ {nebst Matt in zwei Zügen. Auch auf 28.h4 hat Schwarz ein aussichtsreiches Angriffsspiel.} ) 28.Qxf4+ Ngf5+ 29.Kh1 Rxh2+ $2 30.Kxh2 ( 30.Qxh2 {würde ewiges Schach durch 30...} 30...Ng3+ 31.Kg2 Ne4+ 32.Kh1 Ng3+ {usw. zur Folge haben. Dr. Tarrasch will aber gewinnen.} ) 30...Qg6 31.Qg4 $2 ( 31.e6+ $1 {mußte geschehen mit der Fortsetzung 31...} 31...Kxe6 32.Bxf5+ Nxf5 33.Rfe1+ $1 { (dies Turmschach scheint Dr. Tarrasch übersehen zu haben) nebst Matt in wenigen Zügen.} ) 31...Qh6+ 32.Qh3 Qf4+ 33.Kh1 Ng3+ 34.Kh2 Ngf5+ 35.Kh1 Ng3+ 36.Kg2 Nxf1+ 37.Kxf1 Qxc1+ 38.Be1 Rg1+ $1 39.Kxg1 Qxe1+ 40.Bf1 Qxe5 ( {Auch} 40...Ne2+ 41.Kh2 ( 41.Kh1 $2 Qxf1+ {usw.} ) 41...Qf2+ 42.Qg2 Qh4+ { erzwingt Remis.} ) 41.Qxh7+ Qg7+ 42.Qxg7+ Kxg7 43.Kf2 {43...} 43...Kf6 44. Ke3 Ne6 45.f4 Nd8 46.Bg2 Ke6 47.Kd4 Nc6+ 48.Kc5 Ne7 49.Bh3+ Kf6 50.Bd7 Ng6 51.f5 Ne5 52.Bb5 Kxf5 53.Kxd5 Nf7 54.Bd7+ Kf6 55.Bc8 Ne5 $1 56.b4 ( {Oder} 56.Bxb7 Nd3 57.b3 Nb4+ {usw.} ) 56...Nd3 57.a3 b6 58.Ba6 Ne1 59.a4 Nc2 60. b5 Ke7 61.Kc6 {61...} 61...Kd8 62.Kb7 Nd4 63.Kxa7 Kc7 64.Bb7 Nb3 65.Bf3 Nc5 66.a5 bxa5 67.b6+ Kd6 68.Bd1 Kc6 69.Ba4+ Kd6 70.Be8 Kd5 71.Ka8 a4 $1 1/2-1/2 [Event "Freie Partie"] [Site "Nürnberg"] [Date "1904.??.??"] [Round "-"] [White "Tarrasch, Siegbert"] [Black "Nimzowitsch, Aaron"] [ECO "D07"] [Result "1/2-1/2"] [Source "Wie ich Großmeister wurde (Kak Ya Stal Grosmeysterom), Partie 3"] [Annotator "Nimzowitsch, Aaron"] 1. d4 d5 2. c4 Nc6 3. Nf3 Bg4 4. e3 e6 5. Nc3 Bxf3 { Vielleicht ein schlechter Zug, aber auf jeden Fall eine schöne Geste! "Ich glaube nicht an Ihre Theorie vom Tempoverlust", das besagt diese Geste. Schwarz tauscht sofort, ohne darauf zu warten, daß Weiß mit h3 ein Tempo verliert, denn er ist daran interessiert, den Plan des Gegners aufzudecken: beabsichtigt Weiß 6. Qxf3 oder 6. gxf3 zu spielen?} 6. Qxf3 ( { Bei } 6. gxf3 { erschien die expansive Stärke der weißen Bauernmasse etwas verringert dank des Vorhandenseins des Doppelbauern.} )6... Nce7 { So vereinigte sich die Jagd nach dem "Primitiven" (d. h. nach den Mattgespenstern) in meinem 18jährigen Kopf ausgezeichnet mit "komischen" und gezierten Manövern. Schwarz beabsichtigt, dem Spiel eine neue Richtung zu geben. (der Übergang aus einer Eröffnung in eine andere im Eröffnungsstadium wurde später eine meiner revolutionären Lieblingslosungen!)} 7. Bd3 c6 8. O-O f5 9. Bd2 Nf6 ( { Indem Schwarz } 9... Qd7 { gefolgt von Nh6, Ng6 und Bd6 spielt, konnte er, soweit ich das beurteilen kann, eine gute Abart des Stonewall erreichen. Nach dem unachtsamen Textzug tritt seine schwierige Lage klar hervor.} )10. cxd5 $1 cxd5 ( { Hier "verkündete" Tarrasch seinen berühmten Satz! ["Noch nie in meinem Leben stand ich nach dem 10. Zuge so gewaltig auf Gewinn wie in diesem Fall!"]. Wenn ich damals in gleichem Maße wie heute über die Prinzipien der Blockade verfügt hätte, hätte ich wahrscheinlich wie folgt gespielt: } 10... exd5 { um sich nach} 11. Bxf5 Nxf5 12. Qxf5 Bd6 { usw. mit der Dame und dem Turm in der e-Linie in den Hinterhalt zu legen und mit allen Mitteln die Realisierung des weißen Mehrbauern zu erschweren.} )11. Rac1 g5 { Im Stile der Jugend!} 12. Qg3 Kf7 13. f3 Nc6 14. Qxg5 Be7 15. Ne2 Qb6 16. Bc3 Rag8 { Schwarz hat etwas Angriff erlangt. Jetzt erweist sich auf jeden Fall die Realisierung des weißen Mehrbauern als keine leichte Aufgabe, umso mehr, als die Stellung der Dame auf b6 einen Durchbruch mit e3-e4 erschwert. Die Kurzsichtigkeit Tarraschs, mit der dieser die Position seines Gegners im 10. Zuge als hoffnungslos erklärt hat, verdient Beachtung.} 17. Qh4 Rg6 18. Qh3 $2 ( { Der Springer musste sofort nach f4 gespielt werden. } 18. Nf4)18... Bf8 $1 { Ein stiller Zug mit der zweifachen Drohung Rh6 und Bh6.} 19. Nf4 Rh6 20. Qg3 Bd6 21. Qf2 ( { Falls } 21. Qg5 { so} 21... Bf8 $1 ( { aber nicht } 21... Rg6 { wegen der Antwort} 22. Qh4 ( 22. Nxg6 $2 hxg6 { mit der Drohung Rh5.} ) ))21... Rg8 22. g3 Bxf4 23. exf4 Nh5 24. Qe3 e5 $1 25. fxe5 f4 26. Qd2 Nxd4 27. Kg2 $1 ( { Es verbietet sich } 27. Bg6+ { wegen} 27... Qxg6 $1 ( { In dieser Variante darf man nicht mit dem Turm wiedernehmen } 27... Rhxg6 { wegen} 28. Bxd4 Nxg3 29. hxg3 Rxg3+ 30. Kf2 Rg2+ 31. Ke1 Rxd2 32. Bxb6 Rgg2 33. Rf2 axb6 34. Rc7+ { und gewinnt.} )28. Qxd4 fxg3 29. Qxd5+ Ke8 $1 30. Qb5+ Qc6 )27... Nxg3 $5 ( { Ein für den Stil meines damaligen Spiels charakteristischer Fehler: ich berechne eine tiefe Kombination, vergesse dabei aber, daß mein eigener König verwundbar ist. Die einfache Fortsetzung: } 27... fxg3 { gewinnt wahrscheinlich mühelos, z. B.} 28. h3 Qe6 { (droht Damenopfer auf h3)} 29. Rh1 Qxe5 30. Qxh6 Nf4+ 31. Kf1 g2+ { und Matt in zwei Zügen.} )28. Qxf4+ Ngf5+ 29. Kh1 Rxh2+ $5 { Die Pointe. Leider ist die Kombination falsch.} 30. Kxh2 ( { Falls } 30. Qxh2 { so} 30... Ng3+ { und Dauerschach.} )30... Qg6 31. Qg4 $2 ( { Tarrasch findet die Widerlegung nicht: } 31. e6+ Kxe6 32. Bxf5+ Nxf5 33. Rfe1+ Kd7 34. Qg4 { und Weiß gewinnt (denn der Springer auf f5 ist gefesselt).} )31... Qh6+ 32. Qh3 Qf4+ 33. Kh1 Ng3+ 34. Kh2 Ngf5+ 35. Kh1 Ng3+ 36. Kg2 Nxf1+ 37. Kxf1 Qxc1+ 38. Be1 Rg1+ $1 39. Kxg1 Qxe1+ 40. Bf1 Qxe5 ( { Die Fortsetzung } 40... Ne2+ 41. Kh2 ( 41. Kh1 $2 Qxf1+ $1 )41... Qf2+ 42. Qg2 Qh4+ { hätte remis forciert.} )41. Qxh7+ Qg7+ $2 ( { Die zentralisierte Dame durfte man nicht hergeben: } 41... Kf8 { hätte gespielt werden können, und falls dann} 42. Kf2 { so} 42... Nf5 { Weiß leidet an einer Schwäche der schwarzen Felder. (Zu jener Zeit dachte ich über diese Feinheiten nicht nach.)} )42. Qxg7+ Kxg7 { Hier lehnte Tarrasch mein Remisangebot ab, und die Partie nahm die folgende interessante (und für den unerfahrenen Jugendlichen ganz ehrenvolle) Wendung.} 43. Kf2 Kf6 44. Ke3 Ne6 ( { Besser } 44... Nc6)45. f4 ( 45. Bh3 { mußte gespielt werden.} )45... Nd8 $1 46. Bg2 Ke6 47. Kd4 Nc6+ 48. Kc5 Ne7 49. Bh3+ Kf6 50. Bd7 Ng6 51. f5 Ne5 52. Bb5 Kxf5 53. Kxd5 Nf7 54. Bd7+ Kf6 55. Bc8 Ne5 $1 { Mit diesem Manöver droht Nd3, und falls darauf b3, so Nb4+.} 56. b4 Nd3 { Die Partie ist auch jetzt noch voll dramatischen Interesses.} 57. a3 b6 58. Ba6 Ne1 59. a4 Nc2 60. b5 Ke7 61. Kc6 Kd8 62. Kb7 Nd4 63. Kxa7 Kc7 { Es folgte noch:} 64. Bb7 Nb3 65. Bf3 Nc5 66. a5 bxa5 67. b6+ Kd6 68. Bd1 Kc6 69. Ba4+ Kd6 70. Be8 Kd5 71. Ka8 a4 { und remis.} 1/2-1/2