nimzowitsch.net Werke Aufsätze Das neue System

Das neue System

I. Abhandlung.

Von A. Niemzowitsch.

Nachdruck des „Neuen Systems” nur mit Genehmigung des Autors (Riga, Postfach 425) gestattet.

Die Schachstrategie als solche liegt heute trotz des Tarraschschen „Wir leben heute in einer herrlichen Zeit des Fortschritts auf allen Gebieten” immer noch geradezu in den Windeln. Noch nie ist auch nur der leiseste Versuch gemacht worden, die Gesetze der Schachstrategie zu ergründen und zu formulieren (die Tarraschschen Postulate á la „die Annahme des Gambits ist prinzipiell(!) (das (!) rührt von mir her. A. N.), verfehlt, weil ..., gefährlich”! können doch wahrlich keinen Anspruch erheben, es sind das im besten Falle „praktische Winke einer erfahrenen Hausfrau”, wie ich sie nenne).

Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, dürfte mein vorliegender Versuch, die Ergebnisse jahrelanger Forschung zu formulieren, zu der mich eine angeborene Neigung zum Aufspüren von Gesetzmäßigkeiten drängte, geeignet sein, eine neue Ära im Schach zu eröffnen.

Was ich hier bieten will, ist eine harmonisch aufgebaute Reihe von Gesetzen über Schachstrategie.

Ich weiß sehr genau, dass mein Versuch nicht verfehlen wird, einen Sturm der Entrüstung bei den „Theoretikern” von heute hervorzurufen und dass man mit allen Mitteln, besonders aber Mittelchen, meinem System an den Leib rücken werde ... Nur zu!

Und nun, ohne viel Umschweife, ans Werk.

I. Über das Zentrum. — Figuren und Bauern. — Der Begriff der charakteristischen Stellung im Zentrum.

Das Skelett der Partie bilden die Bauern, die Figuren sind die inneren Teile, die edlen Organe!

Die Figuren müssen in einem lebendigen Zusammenhang mit dem (Bauern-)zentrum stehen.

Beispiel: Weiß: Bauer e4, Schwarz: d6 und f.

Diagramm I

Weiß wird erstens seine Figuren so postieren, dass sein Zentrum e4 gut gedeckt ist, zweitens wird er aber auch seine Streitkräfte gegen den zu fürchtenden gegnerischen Vorstoß d5 oder f5, der sein Zentrum untergraben würde, richten. — Er wird teils direkt (durch Druck auf d5 und f5) teils indirekt (etwa durch die Absicht den Zug d5, respektive f5 mit e4-e5 zu beantworten oder auch durch die Absicht, genannte Züge mit e4xd5, respektive e4xf5, zwecks Einleitung eines Spiels auf der e-Linie zu parieren), diesen Drohungen des Gegners entgegenwirken. Woraus sich das Gesetz ergibt:

Die Züge der Figuren werden von den Lebensforderungen des Zentrums diktiert*).

Die Mission der Figuren ist, wie wir gesehen haben, eine doppelte:

Erstens müssen die Figuren das Zentrum „schützen",

d.h. gut gedeckt, halten,

zweitens ‚.stützen",

d.h. gegen den zu erwartenden Vorstoß im Zentrum gerichtet sein. . Erstere Forderung muss selbst dann erfüllt werden, wenn man im Zentrum noch so gut steht,

d.h. steht man Im Zentrum noch so gut, muss man doch auf Verteidigung desselben bedacht sein.

Soviel über den Aufbau des Zentrums. Nun wollen wir zur „Ausnutzung" des Zentrums übergehen. Vorher sei noch hervorgehoben, dass wir jedes Schema (wie z.B. Im Diagramm I vorgeführt), welches den Kern der Position darstellt, als „Charakteristische Stellung im Zentrum" bezeichnen (abgekürzt als Ch. St.). Letztere wird stets den Ausgangspunkt unserer Kalkulation bilden.

*) Um Missverständnissen vorzubeugen, erkläre ich, dass ich aus didaktischen Gründen vorläufig von der Annahme ausgehe, das Zentrum als solches könne ausschließlich durch Bauern besetzt sein. Das Zentrum bildet ja auch in der Tat die Domäne der Bauern. Von einer Ersatzfähigkeit der Figuren in diesem Sinn, will ich später sprechen.

II. Über die Ausnützung (Verwertung) des Zentrums. — Offene Linien und ihre Gesetze. — Über die latente Mitwirkung des Zentrums.

Das Zentrum soll als etwas stabiles betrachtet werden, d.h. die Ch. St. soll ausgenützt werden In der Form, wie sie ist (ohne dass man sie verändert).

Die Stellung im Zentrum darf nicht immerzu modifiziert werden, die einmal eingenommene Ch. St. muss auch — wenigstens für längere Zeit — beibehalten werden. Man muss sich eben bemühen sie auszubauen und seine Figuren in ihrem Sinn zu postieren!

Der Angriff' ergibt sich sodann häufig von selbst, d.h. nur unter rein passiver Mithilfe des Zentrums (Ch. St.), und zwar ergibt er sich auf den Flügeln!

Ein Beispiel. Nach den Zügen 1. e2-e4 e7-e6 2. Sg1-f3 Sb8-c6 3. Lf1-b5 d7-d6 4. d2—d4 Lc8—d7 5. Sb1— c3 Sg8—f6 6. 0—0 Lf8—e7 7. Tf1-e1 e5xd4 8. Sf3xd4 (nun ist die uns vom Diagramm I her bekannte Ch. St. e4 gegen d6 f erreicht) Sc6xd4 9. Dd1xd4 Ld7xb5 10. Sc3xb5 0-0 11. Lc1—g5 Tf8-e8 12.Ta1-d1(„stützt”) Sf6—d7 13. Lxe7 Te8xe7 darf Weiß nicht etwa im Zentrum operieren (f2-f4 e4-e5), vielmehr hat er im Gegenteil daselbst ganz neutral zu bleiben. Was er zu tun hat, ist unser Gesetz vom „Schützen“ und „Stützen“ des Zentrums zu erfüllen. Z.B. 14. Sb5—c3! (Dc3 ist auch gut) Sd7—b6 15. Tel—e3! Dd8—d7 16. Td1—e1 Ta8—e8 17. Te3—g3. Dies führt bereits zu einer Schwächung des Königsflügels, welcher Erfolg als Resultat unserer Zentrumsbehandlung aufzufassen ist.

Die Mitwirkung des Zentrums hat sich hier dokumentiert

  1. durch die latente Drohung des Vorgehens e4—e5,
  2. durch das (eine Folge des Terrainvorteils, bedingt durch das vorgerücktere Zentrum) möglich gewordene Manöver Te3—g3,
  3. indem es uns ein Spiel auf der d-Linie ermöglicht: das Zentrum e4 bildet nämlich den Stützpunkt für die Operationen auf der d-Linie.

Dies führt uns zur Untersuchung der offenen Linie!

Zur offenen Linie gehört ein .„Stützpunkt" und ein „Einbruchspunkt".

Diagramm II

Einbruchspunkt der d-Linie (d5).
Stützpunkt der d-Linie (e4).

Diagramm III

Einbruchspunkt der h-Linie (h7).
Stützpunkt der h-Linie (g6).

Den „Stützpunkt" einer Linie bildet ein eigener Bauer auf der Nebenlinie, z.B. Bauer e4 für die d-Linie (Diagr. II) oder Bauer g6 für die h-Linie (Diagr. III). — Der durch diesen geschaffene, respektive gedeckte Punkt ist unser Einbruchspunkt z.B. Punkt d5 (In Diagr. II) oder Punkt h7 in Diagr. III.

Gesetz: Die Ausnützung einer offenen Linie besteht in der Besetzung des Einbruchspunktes (durch Figuren).

  1. Ist es eine Mittellinie, so wird der Einbruchspunkt am besten durch einen Springer besetzt, der dann ungeahnten Wirkungskreis hat.
  2. Handelt es sich um eine Randlinie, so wird ein Turm gewählt, als Einleitung zur Doublirung (Eroberung der Linie) und eventueller Umgehung.

Im Fall b) (Diagr. III) zieht Weiß also Th7! (= Besetzung des Einbruchspunktes der Randlinie mit einem Turm!), wird der eindringende Turm vom opponierenden feindlichen Turm abgetauscht (um der Doublirung zuvorzukommen) so wird der Bauer g6 frei und eine Macht. Es entsteht hierbei ein merkwürdiger

Rollentausch: Zuerst (vor Th8xh7) stützte der Bauer (g6) den Turm, später (nach Txh7 g6xh7 nebst Ta1—h1) stützt der Turm den Bauer.

Im Fall a) ergibt die gesetzmäßige Besetzung des Einbruchspunktes durch einen Springer einen neuen Vorteil:

den Vorposten.

Ein strategisch fundierter Vorposten übt, dank seinem großen Angriffsradius, einen dauernden Druck aus.

In unserem Beispiel fixiert er die Punkte c7, e7, f6.

Die durch den Vorposten neu geschaffenen Angriffsmöglichkeiten bilden dann die weitere Konsequenz des Spieles in der fraglichen Linie (d-Linie) Diagr. II.

Das Gesetz vom Vorposten lässt sich noch so formulieren:

Ist es dem Angreifer gelungen. die offene Linie zu erobern und sich auf dem Einbruchspunkt festzusetzen, so besteht die konsequente Fortsetzung des Angriffes In der Ausnutzung der hierdurch geschaffenen Angriffsmöglichkeiten.

Schwarz wird früher oder später den Vorposten (Sd5) mittels c7—c6 vertreiben müssen, aber das macht den d-Bauer rückständig und zum Angriffsobjekt. Die Partie tritt nun in ein neues Stadium.

III. Der rückständige Bauer als Angriffsobjekt. — Der: Begriff des „direkten" und „indirekten“ Angriffs gegen einen rückständigen Bauer. — Das hole.

Die Stellung des Bauers d6 (nach c7-c6) ist schwach, aber nicht hoffnungslos, denn immer noch liegt — trotz gegnerischer Observierung des Punktes d5 der Vorstoß d6—d5 im Bereiche des Möglichen. Anders verhält sich die Sache, wenn der c-Bauer entweder gar nicht mehr vorhanden ist oder aber bereits auf c5 steht. In diesem Fall haben wir ein klassisches Beispiel eines. absolut rückständigen Bauers auf offener Linie. Der Punkt d5 lässt sich dann (nach c7—c5 Diagr. II) als hole bezeichnen. Der modus operandi besteht nun in einem

durch den schwachen Bauer d6 und das hole auf d5 angezeigten Laviren gegen diesen Bauer.

Der rückständige Bauer — in unserem Falle d6 — soll bald so, bald so, angegriffen werden. Die Absicht ist, die deckenden Figuren in unbequeme Stellungen zu nötigen.

Der d-Bauer soll hier also nicht bloß Frontalangriffen, sondern auch Seiten- und womöglich Umgehungsangriffen ausgesetzt werden. Die Basis zu diesen Manövern gibt das hole, unser früherer „Einbruchspunkt“ d5 ab.

Wir formulieren dieses so: 1. Alle Figuren müssen nach dem Einbruchspunkt (hole) gerichtet werden, um den Druck aufrecht zu erhalten und um eventuell über diesen Punkt ins feindliche Lager einzudringen. 2. Der Einbruchspunkt (besonders aber der zum hole „avancirte”) soll, wenn möglich durch verschiedene Figuren der Reihe nach besetzt werden.

Das Resultat dieses modus operandi gegen unser Angriffsobjekt wird entweder in einer direkten Eroberung desselben bestehen oder aber zu einer entscheidenden Linienöffnung führen. Letzteres Manöver besteht im folgenden: Nachdem die deckenden Figuren in unbequeme Stellungen gedrängt wurden (siehe oben), zieht Weiß e4—e5 (oder c4—c5), d.h. er verzichtet nun auf die direkte Eroberung des Kampfobjektes und nutzt die erzielte Deckungshemmung des Gegners zu einem infolgedessen entscheidenden Durchbruch (Eindringen in die 7 oder 8. Reihe).

Dieses eben Gesagte eröffnet uns den Begriff des direkten und indirekten Angriffes gegen einen feindlichen Bauer: Direkt nenne ich ihn, wenn es ein reiner Figurenangriff ist, das Ziel ist dann die direkte Eroberung des Kampfobjektes.

„Indirekt“ nenne Ich den Angriff eines Bauers durch einen Bauer (e4—e5!) Das Ziel ist dann nicht Eroberung des Kampfobjektes, sondern die Eroberung von Terrain.

Diagramm IV

Die Ch. St. einer Partie Niemzowitsch-Shories, Ostende 1907.

Diagramm V

Direkter Angriff gegen den Bauer e5 (Dc7, Sc6, Sg6).

Diagramm VI

Indirekter Angriff gegen den Bauern e5.

Siehe Diagr. IV. Der direkte = (Figuren)-Angriff gegen den Bauer a5 wäre hier Sf3—d2—b3.

Der indirekte = (Bauern)—Angriff bestünde dagegen in b2—b4. Im ersten Fall wird das Kampfobjekt, im zweiten Falle Terrain erobert (der a-Bauer wird frei.)

Für „direkten” und „indirekten” Angriff gilt folgendes Gesetz:

Im allgemeinen soll zuerst der direkte Angriff angewandt werden, dadurch werden die deckenden Figuren des Gegners in unbequeme Stellungen genötigt. Erst jetzt kann der indirekte Angriff erfolgen zwecks Terraineroberung unter Verzicht auf direkte Eroberung des Kampfobjektes.

Wir haben vorhin die Schwächen der Bauernstellung c5, d6 beleuchtet, aber natürlich bildet auch c6, d5 ein genügendes Angriffsobjekt, welches allerdings schwerer ausnützbar ist.

Wir lassen nun eine Partie folgen, um unsere mit Absicht schematisch vorgeführten Grundsätze näher zu erläutern. Wir wählen eine Partie von Tarrasch, weil sie in ihren Motiven einfach und durchsichtig ist. — Später werden wir uns den Kapiteln:

Mobile Bauernmajorität und gestoppter Freibauer. Bauernketten und die Gesetze der Übertragung, 2 Läufer und ihre Gesetze u.a.m.

zu widmen haben.

(Fortsetzung folgt.)

Ein Beispiel zur Erläuterung des "Neuen Systems" von A. Niemzowitsch

So spielte Paulsen Schach! Man vergleiche damit eine Partie der „Nivellirungskünstler” der Firma „Tarrasch & Comp.” mit den egalisierten, nahezu symmetrischen Bauernkonfigurationen im zentrum un der formalistischen Auffassung der Elemente: Schwacher Bauer, Angriffsmarke etc. und man wird nicht lange zaudern, wem die Palme gebühre ...

Glücklicherweise macht sich heute bereits deutlich eine Proteststimmung gegen dieses öde Nivellierungsschach bemerkbar.

Besonders ist es meinen Forschungen geglückt nachzuweisen, daß die Doktrinen von Dr. Tarrasch keineswegs als stichhaltig bezeichnet werden können.

Und Meister wie Schlechter, Vidmar und zum Teil auch Capablanca sind entschieden geneigt, sich der Auffassung der alten Meister Steinitz und Paulsen zu nähern.

Mit der Verflachung des Schachspiels, wie sie Dr. Tarrasch anstrebt, hat es also noch seine gute Weile.

Riga, 15. Oktober 1913.

A. Niemzowitsch.

Noch ein Beispiel zur Erläuterung des "Neuen Systems"

Von A. Niemzowitsch.

Die von WeiB sehr schlecht angelegte Partie (5. Lxf6??) wird nach mehrfachen Unterlassungen des Gegners (8. ... Sc6 oder 9. ... Sc6) durch ein inkorrektes Opfer, auf das jener die richtige Entgegnung (24. ... Lxe4) verfehlt, doch noch zum Siege geführt.

Es ist in hohem Grade bemerkenswert, daß Dr. Tarrasch die Partie für eine ... Meisterleistung ersten Ranges erklärt!!!

Ich kenne Herrn Yates und ich weiß: Die Lobesbymnen des Dr. Tarrasch werden ihn ebenso kalt lassen wie seinerzeit (1910) die ebenso unmotivirten Schmähungen desselben.

Nachträglich bemerke ich, daß Dr. Olland noch ganz zuletzt, nämlich nach dem entscheiden Qualitätsopfer seines Gegners,im 33. Zuge das Spiel auf ein Haar remis machen konnte.

Schwarz hat nämlich noch einen überraschenden Rettungsversuch: 33. ...Lc6!!