nimzowitsch.net Werke Mein System II. Teil - Das Positionsspiel 1. Kapitel 1.3 Meine neuartige Auffassung des Positionsspiels …

1.3 Meine neuartige Auffassung des Positionsspiels als solches:
Das bekannte Akkumulieren geringfügiger Vorteile ist erst in zweiter (bis dritter) Linie bezeichnend; viel wesentlicher ist eine nach außen und innen hin betriebene Prophylaxe (Vorbeugung).
Meine Neuheit der Überdeckung, Formulierung und Sinn derselben.

Wie bereits mehrfach erwähnt, sind m. E. weder Angriff noch Verteidigung eigentlich Sache des Positionsspiels, das ist vielmehr eine energisch und zielbewußt betriebene Prophylaxe. Es gilt nämlich vor allem, einigen im positionellen Sinne unerwünschten Möglichkeiten von vornherein die Spitze abzubrechen. Solcher Möglichkeiten gibt es, wenn wir von den Malheurs absehen wollen, die wenig geübten Spielern zuzustoßen pflegen, nur zweierlei. (Wir erinnern beiläufig daran, daß der Anfänger sich namentlich davor hüten muß, seinen Bauern in der Mitte zu verlieren, da solches Fehlen eines Zentralbauern dem Gegner zu einer sich heranwälzenden Bauernlawine Vorschub leisten könnte. Der geübte Spieler würde – im Gegensatz zum ungeübten Spieler – Mittel und Wege finden, die Lawine zu hemmen.) Die eine dieser beiden Möglichkeiten besteht darin, daß der Gegner dazu gelangen könnte, seinen „befreienden“ Bauernzug zu tun. Der Positionsspieler muß also seine Figuren so aufstellen, daß die befreienden Züge des Gegners verhindert würden. Wobei allerdings zu bemerken ist, daß wir von Fall zu Fall zu prüfen hätten, ob der betreffende „befreiende“ Zug auch wirklich zur Befreiung führt. Wie ich in meinem revolutionierenden Artikel: „Entspricht Dr. Tarraschs Moderne Schachpartie wirklich moderner Auffassung“ nachgewiesen habe, darf die Wahrheit: „Es ist nicht alles Gold was glänzt“ auch in Bezug auf Befreiungszüge gelten: manch ein „Befreiungszug“ führt bloß zu einer ungünstigen vorzeitigen Öffnung des Spiels und andere Befreiungszüge wiederum sind als normale Reaktion aufzufassen und als solche ruhig hinzunehmen, denn es wäre vermessen, gegen eine Naturerscheinung ankämpfen zu wollen. Trotzdem die befreienden Züge unter „Hemmung“ ohnehin näher beleuchtet werden sollen, so wollen wir es uns doch nicht nehmen lassen, hier schon zwei Beispiele zu geben. Beispiel für fehlerhafte Befreiung siehe Diagramm 124. Der Zug e6-e5 gehört in ähnlichen Stellungen sehr wohl unter die befreienden Züge, denn er öffnet das sonst eingeklemmte Spiel und bedeutet zudem die positionell angezeigte Zentralaktion, als Gegenmaßnahme gegen die von Weiß angestrebte Umzingelung vom Damenflügel aus. (Zentrums- gegen Flügelspiel.) Trotzdem zog Weiß hier mit Recht b2-b4! (statt Te1). Man sehe

Diagramm 124

Schwarz war eben von vornherein im Temponachteil, daher der Mißerfolg der Befreiungsaktion. Beispiel 2 - siehe Diagramm 125 - zeigt uns, daß es nicht möglich ist, mit Naturnotwendigkeit zur Reife gelangende Befreiungsvorstöße auf die Dauer zu verhindern, unser Ziel soll in ähnlichen Fällen bloß auf Erschwerung der Befreiungsaktion gerichtet sein, doch dürfen wir uns keineswegs auf die ohnehin unmögliche Unterbindung des Vorstoßes versteifen wollen. Siehe Diagramm 125, entstanden nach den Zügen

Diagramm 125

man vergl. übrigens die Ausführungen zum Diagramm 122. Wir registrieren somit, daß das Verhindern von befreienden Bauernzügen (sofern besagtes Verhindern notwendig und angängig erscheint) von größter Tragweite für jedes Positionsspiel ist. Dieses Verhindern ist das, was wir unter Prophylaxe nach außen hin verstanden wissen wollen. Viel schwieriger ist es, den Begriff der „Prophylaxe nach innen hin“ zu erfassen, denn hier hätten wir es mit einer neuen Idee zu tun. Es handelt sich nämlich um die Verhütung eines Übels, das man eigentlich nie als solches aufgefaßt hat, das aber doch von großer zerstörender Wirkung sein kann und in der Regel auch zu sein pflegt. Das Übel besteht darin, daß die eigenen Figuren in keinerlei oder in ungenügendem Kontakt zu den eigenen strategisch wichtigen Punkten stehen. Da ich besagten Umstand als ein Übel auffasse, so mußte ich die strategische Forderung aufstellen, daß man die eigenen strategisch wichtigen Punkte zu überdecken habe (also mehr Deckung schaffen als Angriff besteht, auf Vorrat decken). Meine Formulierung bzw. Begründung lautet folgendermaßen: „Schwache Punkte, noch mehr aber starke Punkte, kurz alles, was man unter dem Sammelbegriff strategisch wichtige Punkte zusammenfassen kann, sollen überdeckt werden! Denn tun die Offiziere solches, so winkt ihnen als Belohnung der Umstand, daß sie die strategisch wichtigen Punkte decken helfen, auch sonst in jeder Beziehung gut zu stehen kommen; also die Bedeutung des strategischen Punktes überflutet sie mit ihrem Schimmer, um das nicht ohne Pathos auszudrücken.“ Soweit meine Formulierung.

Hierzu wären vor allem zwei erläuternde Bemerkungen zu machen; pro primo: man denke an den von uns gelegentlich der Analyse des Freibauern hervorgehobenen rätselhaften Umstand, daß die Blockadefelder sich zumeist als in jeder Beziehung gute Felder erweisen. Ein Offizier, der sich voller Resignation in ein ödes Garnisonnest (sprich: auf ein Blockadefeld) begab, bekam dort unerwarteter Weise eine Menge zu tun; die strategisch verdienstvolle Tat (also die nach allen Regeln der Kunst vorgenommene Blockade) fand ihre Belohnung in Form von erhöhter Aktionsmöglichkeit vom Blockadefelde aus; ganz wie im Märchen, wo die guten Taten stets belohnt werden! – Die Idee der Überdeckung ist in gewissem Sinne nichts anderes, als die oben skizzierte Idee in erweiterter Form, man sehe selbst: wir überdecken beispielsweise einen vorgeschobenen starken Bauern, etwa Bauer e5 in der Diagrammstellung 126; die Deckung durch den Bauer d4 ist ungenügend, weil Weiß auf c6-c5 die Antwort d4xc5 plant (= Aufgeben der Kettenbasis und Besetzung des freigewordenen Punktes d4).

Diagramm 126

Die Idee war folgende: einen strategisch wichtigen Punkt zu überdecken war eine „gute Tat“; die Belohnung folgte in Form von großem Aktivitätsradius für die Überdecker! Nur noch ein Beispiel (denn der Überdeckung in allen Schattierungen wird später ein ganzes Kapitel gewidmet). Siehe nun Diagramm 128.

Diagramm 128

Pro secundo: Die Regel von der Überdeckung gilt natürlich ganz besonders für starke Punkte, also für wichtige Zentralfelder, die mehrfach beschossen werden sollen, für starke Blockadefelder oder starke Freibauern etc. Ganz gewöhnliche schwache Punkte darf man keineswegs überdecken, denn solches könnte leicht zu passiven Stellungen der Verteidiger führen (vergleiche 6.2 Die aggressive Turmstellung als charakteristischer Endspielvorteil). Indes ein schwacher Bauer, der aber die Basis einer wichtigen Bauernkette bildet, darf und soll sehr wohl überdeckt werden. Um letzteres zu illustrieren, greifen wir zu unserer altbekannten Bauernkette d4, e5 gegen d5, e6. Siehe Diagramm 129 und vergleiche dasselbe mit 129a.

Diagramm 129 (Schema)

Die gesicherte Basis d4 erhöht die Bedeutung des Angriffsbauern (Keil-Bauern) e5; die Auftürmung der Türme wirkt somit als bewußte Überdeckung („den Dolch im Gewande“).

Diagramm 129a (Schema)

Hier wirkt die weiße Auftürmung nicht als „Überdeckung“, vielmehr schlechterdings als die übel angeschriebene „passive Verteidigungsstellung“

Im ersteren decken die Türme die schwache Basis (jede Kettenbasis ist in gewissem Sinne als schwach zu bezeichnen, da ja die einzig sichere Deckung (die Bauerndeckung) fehlt, doch kommt diese Deckung indirekt auch dem starken Bauern e5 zugute, denn, wie wir wissen, involviert die Stärkung der Basis zugleich auch eine durchgehende Stärkung der ganzen Kette. Man spiele, beispielsweise, meine Partie gegen Tarrasch nochmals nach, in der ich d4 zunächst mal mühsam überdeckt habe, nach vollzogener Überdeckung aber zu einem starken Angriff gelangte, der zum Siege führte. Die Seele dieses Angriffes aber bildete Bauer e5, der sich sozusagen vertrauensvoll an den nun glänzend sanierten Bauern d4 anlehnen durfte. In der Diagrammstellung 129a dagegen fehlt Bauer e5 und somit wird die Rolle, die Td1 und Td3 sonst zu spielen hätten, in ihrem Umfange sehr reduziert; es bleibt von der einst so verantwortungsvollen „Rolle“ eigentlich nichts anderes zurück als die langweilige Verpflichtung, Bauer d4 vor dem Untergang bewahren zu sollen. Mit anderen Worten, im Falle 129a enthält die Aufstellung der Überdeckung keinerlei Angriffsidee für die Zukunft (im ausgesprochenen Gegensatz zu Fall 129) und wirkt somit bloß als „passive Aufstellung der verteidigenden Offiziere“, vor der wir (siehe 6.2 Die aggressive Turmstellung als charakteristischer Endspielvorteil) nachdrücklichst warnen mußten. Resumierend sagen wir folgendes: das Gesetz der Überdeckung gilt eigentlich nur für starke Punkte. Schwache Punkte dürfen nur in dem Falle Anspruch auf Überdeckung erheben, wenn dieselben andere, starke Punkte stützen helfen (= der schwache Bauer als Amme für einen im Wachstum begriffenen Riesen!).