nimzowitsch.net Werke Die Praxis meines Systems 5. Das Lavieren gegen feindliche Schwächen bei …

5. Das Lavieren gegen feindliche Schwächen bei gegebenem eigenen Terrainvorteil

Partien 71 - 77

In dieser hier näher zu behandelnden strategischen Kombination von „feindlichen Schwächen“ und „eigenem Terrainvorteil“ bildet der Terrainvorteil das dominierende Prinzip. Die Schwächen pflegen nämlich nicht selten so nebenher zu entstehen, gewissermaßen als Folgeerscheinung des gegnerischen Territorialdruckes, vergleiche beispielsweise unsere Nr. 71 und 73. — Der Verlauf einer gegen zwei feindliche Schwächen gerichteten Lavierungsaktion wäre wohl wie folgt zu schematisieren: zwei an und für sich durchaus verteidigungsfähig wirkende Schwächen werden abwechselnd unter Feuer genommen, wobei der Angreifer sich namentlich auf die vorhandene Überlegenheit seiner Kommunikationslinien stützt; der Partieverlust erfolgt, weil der Verteidiger in irgendeinem Moment mit dem Gegner an Schnelligkeit der Umgruppierung nicht Schritt zu halten vermag.

Die Pointe des uns interessierenden Stratagems scheint also offenbar in einer richtigen Verwertung der Kommunikationslinien zu liegen. Worin hätte diese zu bestehen?

Die Kommunikationslinien pflegen fast ausnahmslos über ein bestimmtes Feld zu führen, das somit füglich die Achse der Lavierungsoperation bildet. Das Verhältnis der über diesen Punkt ins feindliche Lager strebenden Figuren zum Punkte selbst entspricht dem zwischen einem „starken Punkt“ und dessen „Überdeckern“ bestehenden Kontakte. In der Partie gegen Schlage (Nr. 71) (Weiß: Kg1, Sb2, Sd2, Bb4, c3, f3, g2, h3; Schwarz: Kc6, Ld5, Se5, Bb5, e6, f5, g5, h5)

bildete Punkt d5 unsere Achse; durch Drohspiele am Königsflügel wußte Schwarz die weißen Torwächter (die Springer) abzulenken, und danach drang er mittels Lc4 nebst Sd3 und Sb2 ein. Man beachte, daß d5 c4 und ebenso d3 weißfeldrige Schwächen waren. Im Damenendspiel gegen Antze (Nr. 75) fungierte Punkt d4 (nebst den dazugehörigen Punkten e5 und f6) als Achse. Die von der Dame beschriebene Kurve war: d4—f6—f7—e8—f7—f6—d4. In der Partie gegen v. Gottschall trat der Zugzwang als deus ex machina hinzu, der Verteidiger mußte seine mühsam aufgebaute Schutzstellung gleichsam mit eigener Hand zerstören. In Nr. 74 spielten die Lavierungsmanöver sich in der inneren Linie ab, während die Nr. 76 dadurch bemerkenswert erscheint, daß die zwei Felder umfassende Achse (e6 und späterhin e5) weiß-schwarz war, während der Felderkomplex doch sonst einfarbig zu sein pflegt, zum Beispiel: Nr. 7175 usw. Man kann auch gegen nur eine Schwäche lavieren, in diesem Falle hätte die Mannigfaltigkeit der Angriffsarten (zum Beispiel: Frontal-, Seiten-, Umgehungsangriff) die fehlende Mannigfaltigkeit der Schwächen zu ersetzen. Alles übrige findet der freundliche Leser in den äußerst sorgfältig behandelten Partien Nr. 71 bis 77.