nimzowitsch.net Werke Mein System I. Teil - Die Elemente 9. Kapitel - Die Bauernkette 9.1 Allgemeines und Definitionen. Die Basis der …

9.1 Allgemeines und Definitionen. Die Basis der Bauernkette. Die Idee der beiden getrennten Kriegsschauplätze

Nach 1. e2-e4 e7-e6 2. d2-d4 d7-d5 3. e4-e5 ist eine schwarz-weiße Bauernkette entstanden. Die Bauern d4, e5, e6 und d5 sind die einzelnen Glieder der Kette; der Bauer d4 ist als Basis bzw. Fuß der weißen Kette aufzufassen, während dem Bauer e6 eine ähnliche Rolle im schwarzen Kettenbereich zukommt. Also das zu unterst liegende Kettenglied, auf das sich alle höher liegenden Kettenglieder stützen, nennen wir die Basis. Jede schwarz-weiße Bauernkette, vulgo schräg fortlaufende Reihe von ineinander verschobenen weißen und schwarzen Bauern, teilt das Brett in zwei Hälften, die zu einander diagonal liegen. Der Bequemlichkeit halber nennen wir die schwarz-weiße Bauernkette kurz die Bauernkette. (Siehe Diagramm 112 und 112a.)

Diagramm 112

Bauernkette

Diagramm 112a

Bauernkette

Die Idee der Kettenbildung

Bevor der Lernende nachfolgendes in Angriff nimmt, möge er noch schnell kontrolieren, ob die offene Linie und die Blockade des Freibauern ihm ganz und gar erinnerlich sind, andernfalls möge er die Erinnerung auffrischen, denn diese beiden Kapitel sind unerläßlich, will man für das nachfolgende das rechte Verständnis aufbringen.

Die Frage ist folgende: Nach 1. e2-e4 e7-e6 2. d2-d4 d7-d5 hat Weiß, so lange e4 auf seinem Platze steht, die Möglichkeit, sich mittels e4xd5 die e-Linie zu öffnen, um daselbst eine mehr oder minder nachhaltige Operation einzuleiten (etwa durch Vorpostenbildung Se5). Durch 3. e4-e5 begibt er sich dieser Chance, auch löst er die Spannung im Zentrum ohne ersichtlichen Grund auf. Weshalb tut er dies also? Nun, ich glaube nicht daran, daß die vor geschehenem 3. e5 in der weißen Stellung aufgespeicherte Angriffsenergie plötzlich - dank e4-e5 - verschwunden sein könnte, vielmehr dürfte dieselbe nach wie vor, wenn auch in modifizierter Form, vorhanden sein.

3. e4-e5 hemmt vor allem die Bewegung der schwarzen Bauern, bedeutet also eine Blockade. Nun wissen wir aber, daß die namentlich in der Mitte stehenden Bauern eine gewaltige Expansionslust besitzen, demgemäß haben wir dem Gegner ein nicht unbeträchtliches Leid zugefügt.

Außerdem sind aber dank 3. e5 zwei neue Kriegsschauplätze entstanden; der eine davon ist der schwarze Königsflügel und der andere – das Zentrum.

ad Königsflügel

Siehe Diagramm 113.

Diagramm 113

Der Königsflügel als Kriegsschauplatz. Die agierenden Truppen sind die Dame, die Läufer, der Springer. Der Tf1 wird als Reservedivision bereitgehalten für die Eventualität f7-f5 e5xf6 Lxf6, denn dann greift der Turm in der e-Linie ein.

Der durch genannten Bauern eingeengte Königsflügel kann auch durch andere Figuren beschossen werden, beispielsweise durch Ld3, Sf3 und Lc1. Versucht Schwarz sich so zu verteidigen, daß er durch gelegentliches f7-f5 eine Kommunikation in der eigenen 7. Reihe herzustellen sich bemüht (etwa mit einem auf a7 postierten schwarzen Turm), so bewährt sich unser Bauer e5 als trefflicher Keilbildner, indem er der Wiedervereinigung des isolierten Königsflügels mit der übrigen Armee nicht unbeträchtlich entgegenwirkt; wir meinen dies so: Weiß greift Punkt g7 an, Schwarz zieht den f-Bauern zwei Schritte vor, um g7 von der 7. Reihe aus decken zu können. Diese sonst trefflich zu nennende Verteidigung scheitert aber daran, daß Bauer e5 scharf protestiert, auf f7-f5 geschieht nämlich e5xf6 i.V. und Weiß erhält nach der Antwort Txf6 die e-Linie mit dazugehörigem Punkt e5 zum Druck gegen den rückständigen Bauern e6. Im ersten Fall (= Königsflügel als Kriegsschauplatz) würde ein weißer Bauer auf f4 eher störend wirken, da dessen negative Wirkung (Sperrstein für Lc1 und die nach oder über f4 strebenden eigenen Steine) die positive überschatten würde.

ad Zentrum

Neben der Einengung des gegnerischen Königsflügels verfolgt e4-e5 aber noch ganz andere Ziele. Weiß will nämlich durch e4-e5 den schwarzen Bauern e6 auf seinem Platze fixieren, um ihn dann mittels f2-f4-f5 aufs Korn zu nehmen; e6xf5 würde dann die Aufgabe der schwarzen Kettenbasis bedeuten. Unterläßt Schwarz aber genannten Zug, so kann Weiß entweder einen Keil bilden (f5-f6) oder f5xe6 f7xe6 T-f7-e7 wählen, und dieses würde dann den Anfang vom Untergang des Bauern e6 bedeuten.

Um den Zusammenhang besser verstehen zu können, empfiehlt es sich, die Ur-Zelle des Seiten- bzw. Umgehungsangriffes näher zu untersuchen. Vergleiche Diagramm 114.

Diagramm 114

Links: Frontalangriff

Rechts: Seiten- bzw. Umgehungsangriff gegen Bauer f6 (Ur-Zelle).

Links sehen wir den Turm frontal wirken: das Angriffsobjekt c6 wird in aller Ruhe und Gemächlichkeit beschossen. Rechts wäre ein Frontalangriff ausgeschlossen, geplant wird daher das Manöver Tg1-g6xf6 oder Tg1-g7-f7xf6. Wichtig für unsere Zwecke wäre es nun zu betonen, daß der weiße Bauer f6 einen - logisch erzwungenen - Bestandteil unserer Urzelle bedeute. Denn bei fehlendem f5 wäre ein Frontalangriff gegen f5 möglich und das wäre ja der bei weitem bequemere Weg. Außerdem wäre aber auch ein Angriff gegen den nicht fixierten f6 ein strategischer Nonsens, entsprechend dem Grundsatz: Das Angriffsobjekt soll zuerst unbeweglich gemacht werden. Infolgedessen bildet die im Diagramm 114 (rechts) vorgeführte Stellung die wirkliche Urzelle des Seiten- bzw. Umgehungsangriffs.

Nach dieser kleinen aber wertvollen Feststellung gewinnt der im Diagramm 115 vorgeführte Kampfplan an logischer Berechtigung, denn derselbe arbeitet ja im Sinne der zu erreichenden Formation, will besagen, leistet hierzu die nötige Vorarbeit und schenkt uns so, was nicht unwesentlich ist, ein gutes Gewissen, denn wenn die unter „Urzelle“ demonstrierte Operation „Angriff“ bedeutet, so wäre damit klar erwiesen, daß auch schon e4-e5 (Kettenbildung) nebst f2-f4-f5 ähnliche Bedeutung zugemessen werden muß.

Diagramm 115

Schematische Darstellung des zentral gelegenen Kriegsschauplatzes: Die beiden Gegner greifen die entsprechende Basis der Bauernkette an; die Türme liegen auf der Lauer, einbruchsbereit!

Also wäre das Zentrum resp. der Bauer e6 als zweiter Kriegsschauplatz aufzufassen. Wir resümieren: e4-e5, will sagen Kettenbildung, schafft stets 2 Kriegsschauplätze: der durch e5 eingeengte gegnerische Flügel bildet den einen, die Basis der gegnerischen Bauernkette - den zweiten. Und ferner: e4-e5 ist ganz und gar von Angriffslust beseelt; der vor geschehenem e4-e5 vorhandene Angriff wird von d5 auf Be6 übertragen, welch letzterer durch e5 unbeweglich gemacht wird, um sodann durch f2-f4-f5 Angriffen ausgesetzt zu werden.